Die Zeitzwillinge
Natürlich kommt Mutter ins Zimmer, ohne vorher anzuklopfen. Und natürlich hat Thomas gerade die Hand in der Hose. Das hat er meistens beim Fernsehen. Zumindest wenn auf MTV halbnackte Mädels herumtanzen. Seine Mutter aber macht das wahnsinnig. Das weiß Thomas. Trotzdem lässt er seine Hand, wo sie ist, als Mutter ins Zimmer kommt.
Wenn so etwas passiert, rauscht sie meistens kurzerhand ab und knallt hinter sich die Tür zu. Und dann kann Thomas sehen, wie er zu einem Abendessen kommt. Aber heute reagiert sie anders. Das Blut schießt ihr ins Gesicht, das kann Thomas richtig beobachten. Mit ein paar Schritten ist sie bei ihm. Sie packt seinen Arm, sie reißt ihn in die Höhe. Dann lässt sie ihn fallen, als hätte sie sich daran verbrannt. Mit offener Hose liegt Thomas vor ihr auf dem Sofa.
Die Mutter steht so, dass er schräg an ihr vorbei immer noch auf den Bildschirm sehen kann. Dort räkeln sich die Lackledermädchen im Sound, der das Zimmer erfüllt. Dass die mit so hohen Absätzen überhaupt tanzen können!, fährt es Thomas durch den Kopf. Im nächsten Augenblick spürt er einen scharfen Schmerz auf der Wange.
Erstaunt blickt er zu seiner Mutter hoch: Geschlagen hat sie ihn noch nie. Offensichtlich ist ihr auch nicht ganz geheuer, was sie getan hat. Denn die rechte Hand hält sie mit der linken am Gelenk fest. Beide Hände hat sie so verkrampft, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Die Haut ist rau und rissig: wie ausgetrocknete Erde kommt sie Thomas vor.
Mutter öffnet den Mund, aber sie sagt nichts. Ihre Lippen zittern, dann spreizt sie sie und presst sie gleich wieder aufeinander. So starrt sie auf ihren Sohn herunter. Und er starrt zu ihr hoch. Für einen Moment rührt sich keiner von ihnen. Die geplatzten Äderchen auf Mutters Wangen verästeln sich in Thomas´ Vorstellungen wie Kristalle, die unter dem Mikroskop wachsen. Rote Flecken werden das. Da muss der Junge an blutende Wunden denken. Er schaut der Mutter in die Augen. Er versucht, die Gefühle zu erkennen, die sie empfindet, und ihnen Namen zu geben. Doch noch bevor er sich sicher sein kann, wendet sich die Mutter ab.
Thomas hört etwas von ihr, bevor sie aus dem Zimmer ist. Aber ob sie nur so vor sich hin schimpft oder etwas zu ihm gesagt hat, hat er nicht verstanden. Das Flimmern der Fernsehbilder spiegelt sich auf seinem Gesicht. Das nimmt Thomas wahr, das spürt er in den Augen. An einem offenen Feuer wäre es genauso, denkt er. Er stellt sich vor, wie er das zeichnen könnte. Thomas zeichnet nämlich Comics, die in einer anderen Zeit spielen. Michael ist Knappe und dient in einer mittelalterlichen Burg. Was er dabei erlebt, zeichnet Thomas. Einige Hefte hat er mit seinen Bildergeschichten schon gefüllt. Allein in diesen Sommerferien hat er drei Hefte vollgezeichnet. Was hätte er sonst schon mit der freien Zeit anfangen sollen?
Schon stellt sich Thomas eine Szene vor, die in der Schmiede der Burg spielt. Flackernde Flammen werfen einen rötlichen Schein aufs Gesicht des Knappen. Unter schweren, dunklen Balken steht er. Er sieht sich um, er hat einen Auftrag zu erledigen. Sein Herr hat ihn mit einer Nachricht geschickt: Die Pferde müssen rechtzeitig für die Jagd am nächsten Morgen frisch beschlagen sein.
Plötzlich: ein Zischen, und Funken stieben auf. Erschrocken weicht der Junge zurück. Da stößt er mit dem Rücken an ein Hindernis. Jemand ist hinter ihm aufgetaucht, wahre Pranken legen sich auf seine Schultern: Er spürt ihr Gewicht. Ein Spielmann mit einem Tanzbären ist erst am vorigen Tag in der Burg angekommen. Michael hat die beiden beobachtet. Das riesige braune Tier hat solch wuchtige Pranken. Die Angst, die in dem Jungen beim Gedanken daran hochschießt, möchte Thomas in seinem Mienenspiel einfangen. Und dann die Erleichterung, als er herumfährt und den dicken Schmied erkennt. Diese Empfindungen spürt in dem Moment, als er drüber nachdenkt, auch Thomas.
Später spielt Thomas mit der Fernbedienung. Er zappt von Kanal zu Kanal. Er kommt zu einem Sender, der über die Lage in Kuwait berichtet. In Rückblenden sieht Thomas den Einmarsch des Irak im Nachbarstaat. Die Irakis in Kuwait City. Dann amerikanische Flugzeugträger und startende Maschinen. Wie von Geisterhand getragen heben sie vom Deck ab. US-Soldaten werden in Saudi Arabien stationiert, in Bagdad verbrennen Menschen mit Hass in den Gesichtern die amerikanische Flagge. Sie schreien Parolen und strecken der Fernsehkamera die Fäuste entgegen. Präsident Bush klettert vor dem Weißen Haus aus einem Armeehubschrauber und kommt auf die wartenden Journalisten zu. Mit gerunzelter Stirn sagt er etwas. Gleich darauf wird Saddam Hussein mit seinen Generälen gezeigt. Da schaltet Thomas den Fernseher ab.
Er steht auf und knöpft sich die Hose zu. Er öffnet die Tür, im Gang steht er dann und lauscht. Ganz leise hört er Schlagermusik. Wie erwartet ist die Mutter im Schlafzimmer und hört Radio. Heute kommt sie nicht mehr raus, das ist Thomas klar.
In der Küche steht das Geschirr noch herum. Das war es wohl, was Mutter so verärgert hat. Deshalb ist sie in sein Zimmer gestürmt. Weil er nicht abgewaschen hat. Am Abend kocht die Mutter immer für den nächsten Tag vor. Wenn Thomas von der Schule heimkommt, braucht er sich das Essen nur aufzuwärmen. Wenn er dann nicht abwäscht, kriegt seine Mutter jedes Mal einen Anfall. Weil sie sich doch für ihn abrackert, sagt sie. Und er nicht einmal im Stande ist, die Küche sauber zu halten.
Das ist ihr Standardsatz, Thomas hört ihn schon gar nicht mehr. Dabei wollte er die Arbeiten ohnehin erledigen. Er hat es nicht darauf angelegt, seine Mutter zu verärgern. In letzter Zeit ist sie ohnehin noch gereizter als sonst. Thomas vermutet, dass sie Ärger in der Fabrik hat.
Doch er war völlig geschafft nach der Schule, total down. Mit nassen Handtüchern haben sie ihn durch den Duschraum gejagt, die anderen Jungen. Und das nur, weil er beim Volleyball ein paar Bälle nicht gekriegt hat. Das gab ihnen den Grund, nach dem sie gesucht hatten. Es tat ganz schön weh, als die Handtücher auf seinen nackten Hintern, die Oberschenkel und den Rücken klatschten. Aber noch viel schlimmer als diese Schmerzen war das Gefühl der Erniedrigung, als alle johlend hinter Thomas her waren. Er konnte sich ihrer nicht erwehren. Und als es ihm endlich gelang, in den Umkleideraum zu entkommen, musste er sich zusammenreißen, um nicht vor aller Augen loszuheulen.
So hat Thomas zu Hause das Essen verschlungen, heißhungrig wie immer. Und um auf andere Gedanken zu kommen, wollte er dann nur ein bisschen fernsehen. Dabei hat er eben aufs Abwaschen vergessen.
Noch immer herrscht vorwurfsvolle Stille in der Wohnung. Der Ton des Radios aus Mutters Zimmer unterstreicht dieses Schweigen nur. Das hält Thomas nicht aus. Draußen scheint die Spätnachmittagssonne. Der Sommer ist noch nicht zu Ende, die Tage sind noch lang. Thomas beschließt, eine Weile zu zeichnen. Aber nicht hier. Er klemmt sich das Heft, an dem er gerade arbeitet, unter den Arm und stopft sich die Stifte in eine Hosentasche.
Nur raus aus der Wohnung, aus dem Haus! Und fort von dem betonierten Platz zwischen den Wohnblöcken!
Fort von den Gedanken an seine Mutter, die ein Drama daraus macht, wenn ein Junge beim Fernsehen die Hand in seiner Hose hat.