Die Stimmen der Sterne
Prolog
Bevor das Raumschiff der Außerirdischen unser Sonnensystem erreichte, sandte es eine Botschaft voraus. Die Signale wurden von den hochempfindlichen Radioteleskopen der Astro-Station im Marsorbit aufgefangen. Während die Wissenschaftler der Station mit der Entschlüsselung der Nachricht beschäftigt waren, näherte sich das Raumschiff dem Sonnensystem. Es hatte gigantische Ausmaße und pflügte durch die lichtlosen Weiten des Alls wie ein riesiger Wal durch die Fluten des Ozeans. Mit ihm kamen die unbekannten Raumfahrer.
Jene Menschen, die von der baldigen Ankunft der Außerirdischen wussten, waren hin- und hergerissen zwischen Furcht und Erwartung. Keiner von ihnen konnte mit Bestimmtheit sagen, ob die Erfüllung des uralten Traumes der Menschen von der friedlichen Verständigung mit einer außerirdischen Intelligenz unmittelbar bevorstand. Oder ob, ganz im Gegenteil, die Ankunft des Raumschiffes den Auftakt für die schlimmste kriegerische Auseinandersetzung in der Geschichte der Menschheit darstellen würde.
Das Aussehen der Wesen, die sich vielleicht schon seit Generationen auf ihrer Reise durch das All befanden, kannten die Menschen nicht. Alles, was sie kannten, war die Botschaft, die die Außerirdischen ihnen geschickt hatten. Es war eine Art von Schrift aus Bildern und Symbolen. Die Wissenschaftler, die ihre Bedeutung entschlüsselt hatten, sprachen von einem Gruß des Friedens. Dieser Gruß war die Stimme der Raumfahrer, er war die Stimme der Sterne. Aber ob er ernst gemeint war oder bloß Täuschung, das war zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss.
(...)
Der Himmel über den Canyons
Der Himmel über den tiefen Schluchten und steilen Felsklippen war ein Meer aus Sternen. Der Mann lag auf dem Rücken in seinem Schlafsack und blickte direkt nach oben. Der Himmel war klar und wolkenlos. Die Sterne waren für den Mann die blitzenden Teleskope schlafloser Kobolde, die die Erde von ihren Lichtjahr entfernten Beobachtungsposten keinen Moment aus den Augen ließen. Der Mann war in der ganzen Welt dafür bekannt, dass er die Natur auf diese Weise sah. Die Geschichten, die er darüber schrieb, kannte jedes Kind.
Neben dem Schlafsack lag eine Jacke. In eine der Taschen hatte der Mann den Kommunikator gesteckt, mit dessen Hilfe er an der Konferenz teilgenommen hatte, in der der bevorstehende Besuch der Außerirdischen besprochen worden war. Jetzt war das Gerät längst abgeschaltet. Nur noch die üblichen Geräusche der Nachttiere hier oben im Isalo-Massiv im Südwesten Madagaskars waren zu hören. Das Meckern flinker Geckos gab es da und das verschämte Huschen einer Sandmaus. Das geschenkpapierartige Rascheln eines Skorpions unter dürren Blättern und den Schrei einer Eule, deren Silhouette für einen Moment das geheimnisvolle Gesicht des runden Mondes verdunkelte. Und natürlich das Scharren und Knarren und Piepen und Krächzen von Fledermäusen, kleinen Nagern und allerlei anderen nächtlichen Räubern und deren Beutetieren.
Der Mann fühlte sich wohl inmitten dieser Stimmen, die die Natur seines Landes bereithielt. Und doch würde er sie für längere Zeit nicht mehr hören. Er würde auf eine lange Reise gehen.
Ein Windhauch strich durch das Lager und brachte das Feuer, das schon ziemlich niedergebrannt war, noch einmal zum Aufflackern. Der Wind trug das leise Knistern und den brandigen Geruch durch die kühle Nachtluft bis zu dem Mann. Der rötliche Schein beleuchtete sein Gesicht. Es war ein afrikanisches Gesicht und der Mann war nicht mehr der Jüngste. Über der hohen, gefurchten Stirn war ein Teil des Kopfes kahl, umgeben von einem hufeisenförmigen Kranz aus weißen krausen Haaren; auch der Bart war weiß. Der Mann hatte die Augen geschlossen, seine ruhigen Atemzüge blähten die Nasenflügel; es hatte den Anschein, als wäre er bereits eingeschlafen. Doch da wischte ein Schatten am Feuer vorbei. Er war nicht groß, vielleicht einen Meter lang, und ließ sich dicht neben dem Kopf des Mannes nieder. Seine Augen waren wie runde, gelbe Lichter in der Dunkelheit.
Der Mann sah auf. "Sif", sagte er ganz leise. "Bist du schon wieder zurück?"
Ein kehliges Schnurren wie von einer zufriedenen Katze war die Antwort.
Der Mann streckte die Hand aus, er spürte dichtes, weiches Fell. "Es gibt Neuigkeiten, Sif", sagte er. "Wir werden eine Reise machen. Eine Reise zu einem weit entfernten Ort."
Als hätte er seine Worte verstanden, gab der Schatten abermals diese gurrenden Laute von sich, als der Mann hinzufügte: "Wir werden zu den Sternen reisen, Sif. Zu den Sternen ..."