Der letzte der wahren Könige

Sean Connery, der ewig beste James Bond, wurde 70

 

Der Bajazzo singt sein trauriges Lied und Al Capone weint dazu. Unterdessen stirbt Malone, der alte irische Cop. Er stirbt langsam und unter großen Schmerzen. Und doch schlägt er dem Tod für einen Moment ein Schnippchen: Erst als er die Spur zu seinen Mördern gelegt hat, gibt er ihm nach.

Sean Connery, der ewig beste James Bond, verkörperte im Laufe der Zeit eine Reihe von Charakterrollen wie jene des Polizisten Malone in Brian De Palmas The Untouchables (1988). El Raisuli zum Beispiel, den Berberhäuptling und kolossalen Despoten, der sosehr von sich selbst als gewaltigem Archetyp fasziniert ist, dass er eine Amerikanerin und deren Kinder entführt und tatsächlich glaubt, auf diese Weise Präsident Roosevelt erpressen zu können (The Wind and the Lion von John Milius, 1975). Oder jenen abgemusterten Sergeanten der britischen Armee, der im kolonialen Indien des 19. Jahrhunderts für kurze Zeit zum Herrn über ein eigenes Königreich aufsteigt (The Man Who Would Be King von John Huston, 1975). Den Arzt jenseits der 50, der seine junge Schwägerin an einen ebenfalls jungen Bergführer verliert - sogar, als dieser tödlich verunglückt (Five Days One Summer von Fred Zinnemann, 1982). Den Weltraummarshal, der in einer Bergwerkskolonie auf dem Jupitermond Io ganz auf sich allein gestellt ist und dennoch Jagd nach skrupellosen Drogendealern macht (Outland von Peter Hyams, 1981). Oder den alternden Robin Hood, der von den Kreuzzügen nach England zurückkommt und erkennen muss, dass er keine Kraft mehr hat zu kämpfen (Robin and Marian von Richard Lester, 1976). Ein letztes Mal lässt sich Robin auf ein Duell mit dem Sheriff von Nottingham ein, seinem alten Rivalen. Da prallen zwei Männer aufeinander, die mit dem Mut der Verzweiflung versuchen, den Lauf der Geschichte aufzuhalten. In einem traurig-grotesken Zeitlupentheater der hilflos-heroischen Gebärden werden ihre Schläge immer langsamer, immer schwerer erscheinen ihnen die Schwerter, kaum kommen sie mehr auf die Beine: Völlig erschöpft stehen sie einander schließlich gegenüber, müssen sie sich geschlagen geben gegen die Zeit, die auch sie nicht zurückdrehen können.

"Wir hatten noch Gesichter damals", sagt Gloria Swanson in Billy Wilders Sunset Boulevard und meint damit jene unbedingte Leinwandpräsenz, wie sie die wahren Könige des Kinos auszeichnet. Sean Connery entwarf seine Filmfiguren, die grandios verrückten Kerle, in wunderbarer Ausgewogenheit zwischen prallem Leben und melancholischer Einsicht in die eigenen Grenzen. Der unbedingte Mut zur Überlebensgröße zeichnet sie in ihrer tragischen Gebrochenheit aus. Sie haben sich dazu durchgerungen, Verantwortung zu übernehmen, und Fucht umklammert nicht mehr ihre Seele. Mit ihrer Alles-oder-Nichts-Pose stehen sie inmitten der heftigsten emotionalen Brandungsstürme und sind nicht bereit, auch nur einen Fußbreit von ihren Überzeugungen abzurücken, koste es, was es wolle: und wenn es den eigenen Untergang bedeutet.

Sean Connery wurde am 25. August 2000 70 Jahre alt. Begonnen hat seine Karriere 1962 mit dem Satz "Mein Name ist Bond, James Bond." Connerys lakonische Männlichkeit machte den Geheimagenten zu jener einsamen Ikone des Kalten Krieges, die den Zwiespalt zwischen beamtetem Killer und kausal dominiertem Helden, der doch jeden Zug der Handlung selbst bestimmt, mit eiskaltem Sarkasmus auszugleichen wusste. James Bond, das war eine in die dramaturgischen Muster der Trivial-Serials gekleidete Inventarisierung des Zeichensatzes der Welt der Reichen und Schönen und nicht zuletzt die Erkenntnis, dass es noch nie leicht war, Stil zu zeigen. Connerys Bond war nicht eindeutig als good guy oder bad guy definiert; der manichäistische Dualismus zwischen Gut und Böse, Hell und Dunkel tritt in Szenen, in denen Bond einen Gegner erschießt und dies dann mit zynischem Grinsen abtut, außer Kraft. Nur in der Verkörperung durch Sean Connery war James Bond wirklich glaubhaft und gefährlich.

Die amerikanische Schjriftstellerin Flannery O´Connor entwarf in ihren Erzählungen das Konzept vom "Drachen, der am Wegesrand lauert". Jeder, der in seinem Leben zu Erkenntnissen über sich selbst und die moralischen Prinzipien in der Welt kommen wolle, müsse an diesem Drachen vorbei, und sei die Angst noch so groß. In seinen besten Filmen stellte Sean Connery Figuren dar, die dieses Wagnis mit seinen für sie unabsehbaren Folgen bewusst eingehen, die zumindest die ersten Schritte auf den Drachen zu wagen. Nicht alle von ihnen gelangen tatsächlich zur Einsicht: Sie sind in ihrem sturen, seltsam anrührenden Stolz zu schwach dazu, den alles entscheidenden Schritt zu tun. Einige wenige jedoch passieren den point of no return. Sie streifen dadurch den letzten Rest von Mittelmäßigkeit ab und werden zu Kämpfern zwischen den Zeiten. Sie durchlaufen jene Katharsis, wie sie Shakespeare für die tragische Gebrochenheit seiner Heroen vorgesehen hat. In dem schrecklichen Konflikt zwischen den Hinwendung auf das Schicksal oder dem Akzeptieren des freien Willens ringen sie sich dazu durch, Verantwortung zu übernehmen.

Sich zu einer solch heroischen Geste durchzuringen, fällt dem Verleger Barley Blair nicht leicht. Sean Connery spielt ihn in Fred Schepisis John-le-Carré-Adaption Russia House als einen alternden, vom Leben im Grunde seines Herzens enttäuschten Mann, der für sich eigentlich entschieden hat, nur mehr seine Ruhe haben zu wollen. Und der sich unvermittelt in eine veritable Spionagegeschichte zwischen Ost und West hineingezogen sieht. Indem er sich schließlich seine Liebe zu der von Michelle Pfeiffer verkörperten Russin Katja eingesteht, scheint plötzlich in einer Periode höchster Gefahren die Zeit still zu stehen. "Jetzt bist du mein Land", sagt er zu Katja und entscheidet sich so nicht für eine Nation, sondern für einen Menschen und die Liebe zu ihm.

In jüngster Zeit ist Connery durch Rollen wie die des König Arthus in The First Knight oder des Meisterdiebes in Entrapment zu einer Art Übervater des Films geworden. Seine vielleicht schönste Figur ist aber immer noch der Mönch William von Baskerville in Jean-Jacques Annauds Eco-Verfilmung The Name of the Rose (1986). Dieser vertraut auf seinen Verstand und auf die Vernunft, wo der Aberglaube und der religiöse Fanatismus des Mittelalters die Schrecken der Inquisition gebären. Auf ihm lastet eine Schuld aus der Vergangenheit, doch er hat sich für die Wahrheit entschieden und dafür, seinen persönlichen moralischen Prinzipien treu zu bleiben. Dadurch hat er zu einer Art heiteren Gelassenheit gefunden, zur humorvollen Distanz zur Welt. So wird er zu einem neuen Prospero, um den herum der Sturm der Zeiten braust und der die Dämonen doch zu zähmen weiß. Und in seinen Augen sehen wir, dass er dabei in seinem Herzen Ruhe gefunden hat.

(c) Peter Schnaubelt (Der Aufsatz wurde in Auszügen im August 2000 in der Zeitschrift Die Furche veröffentlicht.)