Der Wind und der Löwe
Gedanken über den Schauspieler Peter O´Toole
"Als ob es darauf ankommt, wie man niederfällt ..."
"Wenn man nichts anderes mehr kann als fallen,
dann kommt es schon darauf an!"
(Der Löwe im Winter)
Gleich zweimal stellte Peter O´Toole im Laufe seiner Karriere den englischen König Heinrich II. dar: als jungen Mann, der sich zwischen der Zuneigung und der sinnlosen Rivalität zu seinem Freund Thomas Becket hin- und hergerissen sieht (in Becket, 1964); und als einsam-alternden Herrscher, der sich, konfrontiert mit einem schmutzigen innerfamiliären Kampf um die Erbfolge, verzweifelt an sein Lebenswerk klammert (in The Lion in Winter, 1968). "Es ist immer kalt gewesen. Nur am Anfang nicht, als wir Freunde waren", sagt Heinrich am Grab des Mannes, den er liebte wie sonst keinen Menschen und den er dennoch ermorden ließ. "Ich bin ein alter Mann in einem leeren Haus", erkennt der König, der an der selbstzerstörerischen Hassliebe zu seiner Frau Eleonore von Aquitanien und der verschlagenen Machtgier seiner Söhne zugrunde zu gehen droht. Und er resigniert: "Mein Leben wird sich, wenn es einst aufgeschrieben ist, besser lesen als es sich leben ließ."
Peter O´Toole hat oft solch zerrissene Charaktre gegeben, die Trägödie in ihrem unbedingten Willen zur Größe fast lächerlicher Männer war sein Fach. Zwischen Genie und Wahnsinn sind diese Figuren Gefangene ihrer viel zu hoch gesteckten Ansprüche: Und daran, dass sie die eigenen Grenzen und jene der Welt nicht sehen, zerbrechen sie schließlich. "To dream the impossible dream", sang O´Toole in der Rüstung des Mannes von La Mancha: eine hagere gestalt am Ende ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit, die all ihre verbliebene Kraft zusammennehmen muss, um noch ein letztes Mal gegen die Windmühlenflügel ins Feld ziehen zu können, und die trotzdem den Kopf hoch erhoben trägt. Und als Lawrence von Arabien, seiner wohl berühmtesten Rolle, beschließt er, die Wüste Sinai zu durchqueren: "Warum nicht? Moses hat es getan!"
Peter O´Toole hat stets gegen einen platten gut/böse-Dualismus angespielt. Wir bewundern die Visionen der Figuren, die er entwirft, gleichzeitig macht uns das fanatische Glitzern in ihren Augen angst. Wir sehen seinen verlorenen Blick, sehen diesen einsamen Ausdruck in seinen graublauen Augen, aus denen unvermutet Ironie oder auch ein grausamer Zug blitzt, und fühlen wie einst Dido, als sie den Aeneas erblickte: "Ich erkenne die Spuren einer alten Flamme."
Auf diese Weise sind auf der Kinoleinwand Momente der Ewigkeit entstanden. Als römischer Kaiser Tiberius etwa ist O´Toole der mächtigste Mann der damaligen Welt und doch ohnmächtig gegenüber der unberechenbaren Grausamkeit eines Jüngeren (Caligula, 1979). Als Offizier mit Zeug zur großen Marinekarriere lässt er in einem Moment der Schwäche ein in Seenot geratenes Schiff in Stich (Lord Jim, 1964). Als einziger Überlebender eines englischen Kriegsschiffes bringt er an der Mündung des Orinoco ein Flugzeug in die Luft, obwohl er noch nie zuvor geflogen ist, und ficht mit einem deutschen U-Boot einen absurden Privatkampf aus (Murphy´s War, 1971). Gott und der Teufel spiegeln sich in den Gesichtern dieser Charaktere, grenzenlose Euphorie und abgrundtiefe Verzweiflung, geradezu fanatische Träume, die im Angesicht des Sieges doch auch schon verloren sind. "Ich hab dich!", triumphiert Murphy, als er das U-Boot versenkt hat. Und gleich darauf ertrinkt er selbst, eingezwängt von einem Kran, in den braunen Fluten.
Nachdem Lawrence, der von der Hoffnung beseelt ist, die arabischen Stämme gegen die Türken zu einen, zum ersten Mal einen Menschen getötet hat, ist er zutiefst schockiert: "Ich habe es genossen." Er ist durch seine Obsessionen und Grenzerfahrungen ein Heimatloser im Geiste geworden, ein in der Normalität Verlorener: in der englischen Uniform unter Arabern, im arabischen Gewand im britischen Offizierskasino. Charaktere wie dieser lachen ihrem vorgezeichneten Untergang nicht entgegen; sie zerbrechen oft gerade an dem Wissen, dass sie für ihre Ideale teuer bezahlen müssen: mit dem Leben von Freunden, mit dem eigenen. Für Ideale, an denen sie aber dennoch festhalten. Weil ihnen dabei die eigene Größe als allzu erstrebenswert erscheint, können sie von anderen so leicht benutzt und ausgenutzt werden. Und gerade in ihrer tiefsten Gebrochenheit, wenn die Antagonismen ihrer Seele sie überrumpelt haben, strahlen sie Würde aus. Am Ende stehen sie oft allein da, sie ziehen sich von der Welt und den Menschen zurück. Auf die Frage, was ihn an der Wüste anzieht, antwortet Lawrence: "Sie ist sauber."
Außer Peter O´Toole haben im modernen Kino nur Sean Connery und Clint Eastwood solche Charaktere gespielt: stoisch-einsame Männer an jenem Punkt ohne Wiederkehr, den sie überschreiten müssen, um vor sich selbst besthen zu können, anachronistische Relikte aus einer längst vergangenen Zeit, alte Löwen, denen der Sturmwind in den Wüsten ihres Lebens ins Gesicht bläst und die dennoch nicht klein beigeben.
König Heinrich hat geglaubt, seine Söhne, seine Frau und den König von Frankreich gegeneinander ausspielen zu können, und dabei hat er doch nur sich selbst getroffen. "Meine Söhne sind fort! Ich habe keine Söhne mehr!", schreit er und wankt, halb wahnsinnig vor dem Schmerz der Enttäuschung durch die leeren Räume seines eiskalten Schlosses. Schließlich klettert er zu den Zinnen der Burg hinauf. Dort oben sinkt er zu Boden, umfasst die Knie und kauert sich zusammen wie ein kleines Kind, das sich in seiner Welt verirrt hat.
"Wi sind alle Gottes Narren", hat Becket in dem früheren der beiden Filme Heinrich zu erklären versucht. Allzu selten haben wir Peter O´Toole, den großen irischen Menschendarsteller, der auch immer als Inbegriff eines Briten galt, in letzter Zeit im Kino gesehen.
(c) Peter Schnaubelt, 2001