Die zweite Welt
Das Gerüst
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as Kreuz bestand aus grobem
hellgrauen Stein und befand sich in der hintersten Ecke des Gartens, auf einer
kleinen Kuppe über dem Fluss. Es gab hier keinen Zaun, der Fluss begrenzte das
Grundstück. Wie die meiste Zeit während der letzten Tage saß Florian auch heute
im Gras. Er lehnte mit dem Rücken am Kreuz, er spürte den rauen Stein durch den
dünnen Stoff des Shirts. Er las in dem Gruselwälzer, den er eine Woche vorher
in der Bücherei der kleinen Stadt entlehnt hatte. Er war aber noch im ersten
Drittel des Buches. Einem Spaziergänger am Fluss wäre wohl nichts Ungewöhnliches
aufgefallen. Er wäre nicht auf die Idee gekommen, dass Florian den Sinn dessen,
was er las, gar nicht mitbekam; aus der Entfernung hätte er auch nicht gesehen,
dass dem Jungen immer wieder die Buchstaben vor den Augen verschwammen.
Ab und zu ließ Florian das Buch in seinen Schoß sinken. Dann starrte er
in den Himmel oder einfach vor sich hin; oder er streckte sich und strich
gedankenverloren über das tropfenartige Symbol im Teil des Kreuzes, der über
seinen Kopf ragte.
Manchmal döste Florian auch ein, aber nicht für lang. Denn auf einmal
fuhr er auf, als hätte er im Traum etwas gesehen, vor dem er blitzartig die
Flucht zu ergreifen versuchte. Es war immer dieselbe Szene, die Florian
miterlebte, untertags oder in der Nacht. Sobald er die Augen schloss, sah er
seinen Vater vom Gerüst auf der Baustelle fallen. Es war, als wäre er an einen
Stuhl vor dem riesigen Bildschirm in einer Folterkammer gebunden; und sein
Finger auf der Replay-Taste festgeklebt, sodass er diese Szene, diesen Traum,
immer und immer wieder miterleben musste. Darin rückte sein Vater den gelben
Helm auf seinem Kopf zurecht. Er lachte dabei und machte über die Schulter eine
Bemerkung zu einem der Arbeiter. Der stand aber so weit abseits, dass Florian
nur seine rechte Hand sehen konnte. Sie hielt einen schweren Hammer. Von der
zerschundenen Oberfläche dieses Hammers in Großaufnahme ein schneller
Schnitt zu Florians Vater, der die Leiter an der Seite des Gerüsts hochkletterte.
Es war ein heißer Tag, die Sonne knallte direkt auf diesen Teil der Baustelle.
Der Vater kletterte in gleißendem Licht. Plötzlich hielt er mitten auf der
Leiter an. Er senkte den Kopf, er schüttelte ihn zweimal, dreimal. Sein Griff
an der Leiter verkrampfte sich.
Doch gleich darauf war dieser Moment der Unsicherheit auch schon wieder
vorüber. Florians Vater kletterte weiter, war auch schon ganz oben auf dem
Gerüst. Er war es gewohnt, sich in dieser Höhe zu bewegen. Seine Schritte waren
genauso fest und bestimmt wie auf dem Erdboden. Es waren diese Schritte,
diese kraftvollen Bewegungen, die Florian schon als kleines Kind die
Gewissheit gegeben hatten, dass sein Vater jemand war, der genau wusste, wo es
lang ging. Einer, dem Florian vertrauen, in dessen Nähe ihm nichts passieren
konnte.
In Florians Vorstellung war dieser Film nur zu dem
einen Zweck gedreht worden, nämlich um ihm den Schlaf zu rauben, um ihn verschwitzt
und mit einem Schrei hochschrecken zu lassen, wann immer er ihn träumte. Wann
immer er dabei zu diesen beruhigenden Gedanken über seinen Vater gekommen war,
kippte die Handlung. Der Verlauf steigerte sich ins rasend Schnelle;
gleichzeitig war dabei nichts Verwischtes. Florian sah alles so quälend
deutlich, so superzeitlupenartig langsam und ins schier Endlose gedehnt. Es
waren genau fünf kraftvolle, federnde, beruhigend sichere Schritte, die der
Vater hoch oben auf dem Gerüst ging. Dann das Einknicken des linken Knies,
völlig unvermittelt. Der Griff zum Geländer des Gerüsts. Die Finger, die daran
abglitten, die keinen Halt fanden. Diese marionettenhafte Drehung des Körpers.
Das Krachen, das die totale Lautlosigkeit der Bilder davor und danach wie ein
Riss durchschnitt. Die zwei Stangen des Geländers, die eigentlich fix
miteinander verbunden sein sollten. Die trotzdem auseinander brachen, als der
Körper des Vaters gegen sie prallte.
Das Straucheln des Vaters, sein hilfloses Rudern mit
den Armen in der heißen hellen Luft.
Der Moment, als seine Füße den Kontakt mit den Gerüstplanken
verloren, er zur Seite fiel. Und der Film vor Florians Augen kippte ...
Kippte ...
Kippte ...
Und Florian das Gefühl für die Wirklichkeit verlor,
als sein Vater auf dem Boden aufschlug.