Die Regeln des Verhaltens
Sieben Erzählungen
Inhalt
Die Grenze - Die Regeln des Verhaltens - Das Ende der Unschuld -
Rituale - Die Misshandlung - Die Hand - Etwas ändert sich
Die Grenze
Die Bewohner des kleinen Dorfes waren doch sehr überrascht, als am Nachmittag des Tags des Herrn der Schmid Alois seinen Nachbarn, den Moringer Herbert, erschlug. Es war der erste wirklich kalte Oktobertag des Jahres und alle spürten irgendwie, dass es bald Schnee geben würde. Beide, der alte Schmid-Bauer und der junge Moringer, waren in der Früh noch in der Messe gewesen und dann bis dreiviertel zwölf im Wirtshaus. Die ganze Zeit hatten sie einander zwar giftig angeschaut, waren aber doch zumindest nicht aufeinander losgegangen, wie das ja schon öfter zuvor passiert war. Von ihrem Streit um den einen Meter breiten Grasstreifen zwischen ihren Äckern wussten zwar alle im Dorf; die Leute dachten aber, dass sich die zwei Sturschädel wenigstens soweit beruhigt hätten, dass sie sich deswegen nicht mehr prügeln würden; zumindest, wenn sie nicht im Rausch aufeinander träfen. Denn auch die größten Deppen, so war die einhellige Meinung im Dorf, würden einmal Vernunft annehmen.
Nun blieben alte Geschichten nur dann interessant, wenn immer neue, aufregende Einzelheiten bekannt wurden. Der Streit zwischen den beiden Bauern schien aber wirklich ausgeschöpft. Deshalb tratschte man immer seltener über den Schmid Alois und den Moringer Herbert und wandte sich lieber dem Sillinger-Mensch zu. Das musste heiraten und hätte das Haus der alten Hofkirchnerin gar so gern auf Leibrente gehabt. Aber die alte Hofkirchnerin wehrte sich, weil sie sich einredete, der Zukünftige vom Sillinger-Mensch würde wie einer von den Verbrechern aus der XY-Sendung aussehen und sie nach der Hochzeit umbringen, damit das Haus gleich ganz ihm gehörte. Hätten die Leute im Dorf aber etwas von dem Brief gewusst, den der junge Moringer dem alten Schmid-Bauern geschickt hatte, dann hätten sie die Angelegenheit als Gesprächsthema nicht so rasch beiseite geschoben.
Eigentlich kam der Brief nicht vom jungen Moringer, sondern von seinem Anwalt. Weil das passte ja zu dem mit seinen neumodischen ldeen, dass er zu einem Anwalt ging. Als der alte Schmid-Bauer den Brief bekam und las, regte er sich so auf, dass ihm ganz schwindlig vor den Augen wurde und er sich niedersetzen musste. Seine Frau machte ihm gleich einen Kamillentee, aber den rührte der Schmid-Bauer nicht an, da trank er schon lieber einen Obstler. Dann saß er am Küchentisch und zerriss den Brief in kleine Papierfetzen. Dazu murmelte er immer wieder: "Den bring ich um, den Teufel, den."
"Red nicht sowas", sagte die alte Schmidin darauf, "sonst versündigst dich noch!" Antwort bekam sie vom alten Schmid-Bauern aber keine.
Der junge Moringer war zu dem Anwalt gegangen, weil es ihm jetzt ein für alle Mal reichte. Nur weil der Grenzstein zwischen seinem Acker und dem vom alten Schmid-Bauern schon vor hundert Jahren an der Stelle gestanden war, wo er heute stand, hieß das noch lange nicht, dass er auch in der kommenden Woche noch dort stehen musste.
Der junge Moringer hatte einem Notar den Kaufvertrag seines Ururgroßvaters gezeigt und dann hatten sie die Äcker neu vermessen lassen. Der Notar hatte ihm einen Anwalt in der Landeshauptstadt empfohlen, denn nun stand eindeutig fest, dass die vor hundert Jahren eben schlampig gemessen hatten. Vielleicht hatten die das auch nur so über den Daumen gepeilt, das konnte man ja nicht genau wissen, wie der Grenzstein letztendlich dorthin gekommen war, wo er dem jungen Moringer nun im Weg war. Denn der junge Moringer war einer, der sich dem Fortschritt nicht verschloss. Ganz im Gegenteil, er würde ihn sogar in das Dorf bringen. Für eben diesen Fortschritt brauchte er einen breiteren Weg entlang seines Feldes. Genau die Breite von einem Meter, der - und so stand es auch im Brief des Anwalts an den alten Schmid-Bauern - sich rechtmäßig im Besitz der Familie Moringer befände, würde den Weg zu einer kleinen Straße machen, die zu asphaltieren es sich lohnte.
Von den eigentlichen Plänen des jungen Moringer stand nichts in dem Brief, der mit rechtlichen Konsequenzen drohte, falls sich der alte Schmid-Bauer nun nicht endlich einsichtig zeigen würde. Aber diese eigentlichen Pläne gingen den halsstarrigen Nachbarn auch nichts an. Der junge Moringer hatte nämlich so etwas wie eine Marktnische entdeckt und die wollte er nun nützen. Die Städter waren auf dem Bio-Trip, das hatte der junge Moringer erkannt, wenn seine Mutter, die alte Moringerin, der der Hof und das Land eigentlich noch gehörten, auch nicht ganz genau verstand, was er damit meinte. Der junge Moringer bot Bio-Gemüse, Bio-Obst und Bio-Getreide an: Da verbürgte er sich dafür, dass das Gemüse und das Obst und das Getreide, das er an die Bioläden in der Landeshauptstadt und in den größeren Orten der Region lieferte, auch tatsächlich aus rein biologischem Anbau stammten. Der junge Moringer hatte viele Bücher zu dem Thema der biologischen Landwirtschaft gelesen und sogar an einem Wochenende einen Fortbildungskurs der Landwirtschaftskammer besucht. Da hatte er erkannt, dass dieser Bioboom die Marktnische sein würde, die er mit seinen Produkten zu füllen gedachte.
Was dem jungen Moringer vorschwebte, war ein eigenes kleines Bio-Erdbeerland, mit dem er, das wusste er schon jetzt, viel Geld verdienen konnte.Das Bio-Erdbeerland wollte er auf dem großen Feld einrichten.Dieses grenzte an einen Acker des alten Schmid-Bauern, war von dem nur durch einen schmalen Weg getrennt. Für die Verwirklichung seines Projekts brauchte er unbedingt eine asphaltierte Zufahrtsstraße. Denn die Städter waren zwar leicht für einen Sonntagsausflug in die freie Natur und in ein Bio-Erdbeerland zu begeistern, aber auf staubigen oder nach einem Regenguss vielleicht sogar schlammigen Feldwegen würden sie mit ihren frischgewaschenen Sonntagsausflugsautos nicht so gerne fahren.
Das war der eigentliche Grund für den Notarbesuch des jungen Moringer und damit auch für den Brief des Anwalts an den alten Schmid-Bauern gewesen. Der junge Moringer hatte aber noch größere Pläne für die Zukunft. Besonders in der letzten Zeit kamen fast jeden Samstag und Sonntag irgendwelche Städter daher und schwärmten von dem Bio-Gemüse, dem Bio-Obst und dem Bio-Getreide, das sie in einem der Bioläden gekauft hatten, die der junge Moringer belieferte. Und da er immer mehr direkt vom Hof verkaufte und sich sein Ruf als garantiert biologischer Bio-Bauer immer weiter herumzusprechen begann, fühlte sich der junge Mohringer in seinen Ideen voll bestätigt. Die kühnste dieser Ideen war ein Traum, zu dessen Verwirklichung das Bio-Erdbeerland ein kleiner, erster, aber nichtsdestotrotz besonders wichtiger Schritt sein würde.
Seiner Mutter hatte der junge Moringer noch nichts von diesem Wunschtraum erzählt, weil die redete zuviel im Dorf herum. Eine Frau, der er davon erzählen konnte, hatte er noch keine und seinen Freundinnen erzählte er von vornherein lieber gar nichts, weil die waren meistens zu dumm, um ihn zu verstehen. Aber tief drinnen in seinem Kopf, da hatte der junge Moringer bereits einen Namen für sein Unternehmen gespeichert: "Biozentrum Moringer" nannte er es und große Anbauflächen mit landesweiter Auslieferung samt eigenem Bio-Hotel, einem Tennisplatz und einem Schwimmbad gingen ihm immer durch den Kopf, wenn er abends entlang des zukünftigen Erdbeerlandes auf dem umstrittenen Feldweg spazieren ging und er seine Zukunft bedachte.
Den Fortschritt würde er in dieses hinterwäldlerische Dorf bringen, das war für ihn klar. Dabei würde er reich werden und keiner von den verbohrten und verkalkten Alten sollte ihn daran hindern. Schon gar nicht der Schmid-Bauer, der alte Nazi, mit seinem falsch gesetzten Grenzstein und dem kitschigen Marterl mit dem sterbenden Christus daneben. Das hatte er aufgestellt, als dort vor dreißig Jahren einer von seinen Söhnen mit dem Traktor umgekippt war und zerquetscht worden war. Dem Schmid-Bauern seine Frau hatte davor eine Plastikvase mit drei roten Plastiknelken gestellt.
Auch seine Mutter würde dem jungen Moringer seine Pläne nicht ausreden können. Die fing nämlich immer dann, wenn er sie vorsichtig in seine Bio-Erdbeerlandideen einzuweihen begann, damit an, dass die Auspuffgase der Autos doch giftig waren. Denn das wisse sie von ihren wenigen Aufenthalten in der Landeshauptstadt und von den drei Arztbesuchen in Wien, als sie wegen ihres chronischen Rheumas vom Hausarzt zu einem Spezialisten überwiesen worden war. Da hätte es so gestunken, dass sie lieber alle weiteren Rheumaschübe ertragen würde, als noch einmal in eine dieser stinkigen Städte zu fahren. Und würden diese giftigen Auspuffgase, von denen sie auch im Fernsehen schon Beunruhigendes gesehen hätte, nicht die biologischen Erdbeeren verderben, besonders wenn man die Autos auf einer asphaltierten Straße entlang des ganzen Feldes leiten wollte?
Dieses unsinnige Argument hatte sie wahrscheinlich vom Ortsvorsteher, mit dem der junge Moringer ganz am Anfang über die strittige Angelegenheit gesprochen hatte. Der hatte ihm damals eine ähnliche Antwort gegeben. Da hatte der junge Moringer gleich gemerkt, dass der Ortsvorsteher mit dem alten Schmid-Bauern unter einer Decke steckte und gar nicht auf ihn eingehen wollte; dem Fortschritt für das Dorf verschloss sich der doch völlig. So hatte der junge Moringer nicht mehr viel geredet, sondern war lieber gleich zum Notar gegangen. Dem Rechtsbescheid des Notars und des Anwalts musste sich nun auch der Ortsvorsteher beugen. Der junge Moringer hatte dem Ortsvorsteher also nicht allzu viel von seinen Plänen erzählt und seiner Mutter hatte er mit solcher Eindringlichkeit eingeschärft, dass sie keinem etwas von seinen Ideen erzählen durfte, dass sie sich selbst beim Greißler nicht traute, den anderen Weibern zu erklären, weshalb sie schon bald einen größeren Fernseher kriegen würde. Obwohl sie doch so gern denen ihren Neid gesehen hätte, denn der Neid der anderen bedeutete ihr mehr als der Fernseher selbst: bei ihren schlechten Augen.
So wusste der alte Schmid-Bauer nicht mehr von den neumodischen Gedanken des jungen Moringer, als in dem Brief des Anwalts stand. Nur dass er sich das alles nicht gefallen lassen würde, das wusste er. Sein komisches Gemüse baute der junge Moringer doch genauso an wie alle anderen Bauern im Dorf auch. Aber doppelt so teuer verkaufte er es an die Studierten aus der Stadt. Und nur weil er so mehr Geld verdiente als die anderen, glaubte er, er könnte alles verändern und alles ginge nur nach seinem Schädel. Aber da hatte er sich gründlich getäuscht. Wenn er oder der Anwalt sich wirklich an den Grenzstein und an sein Marterl heranmachen würden, so wie sie das geschrieben hatten, dann würde er das verhindern, egal wie.
Der Grenzstein stand nämlich schon seit den Zeiten seines Urgroßvaters dort, von wo ihn der junge Moringer weghaben wollte; und wenn er immer schon dort gestanden war, dann stand er anscheinend sehr gut dort, und deshalb würde er dort auch bleiben. Das Marterl befand sich nun schon dreißig Jahre bei dem Stein. Gar niemand würde ihm das umschlagen, eine Sünde wäre das ja direkt! Wie ein Tschusch schaute der junge Moringer aus, mit seinen langen Haaren und dem Bart. Da konnte seine Frau noch so oft sagen, er schaute aus wie der Christus auf dem Bild, das sie im Schlafzimmer über dem Ehebett hängen hatten. Diese Idee hatte sie ohnehin nur von der alten Moringerin, weil die hatte auch so ein Bild und deshalb erzählte sie überall herum, ihr Sohn schaute wie der Christus auf dem Bild aus; und viel Gutes würde er tun für das Dorf und das passte ja auch zu seinem Christusbart.
Früher hatte er sich noch oft geprügelt mit diesem Christus, der in Wirklichkeit ein Teufel war. Der Sieger, also er, der Schmid Alois, war bis zur nächsten Prügelei im Recht gewesen. Aber jetzt kam er mit seinem neumodischen Anwalt daher und glaubte, er könnte sich´s richten, so auf die bequeme Art. Der alte Schmid-Bauer hatte ganz genau gesehen, wie der junge Moringer mit zwei Vermessern gekommen war und die Äcker neu vermessen hatte. Sogar auf seinem Grund und Boden waren sie dabei herumgestiegen. Am liebsten hätte er sie niedergehaut, alle miteinander. Doch dann hatte er sich zurückgehalten, denn die Vermesser konnten eigentlich ja nichts dafür: Die waren auch nur so Studierte aus der Stadt, die von nichts eine Ahnung hatten. Denen konnte der junge Moringer alles Mögliche einreden. Aber den jungen Moringer, den würde er wirklich umbringen! Da würde er nur ein gutes Werk tun und der Herrgott würde es ihm danken. Denn solche wie der Moringer, die richteten nur die Welt zugrunde. Ständig wollten sie alles verändern und sie redeten nur vom Fortschritt und davon, dass die Bäume starben und die Äcker und Wiesen vom Regen ganz sauer würden. Die Schuld daran schoben sie den Alten zu und sagten, die hätten halt vorausdenken müssen. Dabei machten sie selbst alles kaputt und ließen nichts in Ruhe! Und überhaupt sah der Regen gar nicht sauer aus.
Sogar den Pfarrer hatten sie schon angesteckt mit dem wirren Kramuri in ihren Köpfen. Der ließ seit einigen Monaten die Jungschargruppe vom Dorf Messen gestalten: mit Gitarren und so, da sangen die Kinder und die Halbstarken diese Jazzmusik, die einem normalen Menschen doch in den Ohren wehtat. Der alte Schmid-Bauer ging schon gar nicht mehr in die Kirche, wenn eine solche Messe angekündigt war. Da setzte er sich lieber gleich zum Wirten, besonders im Winter, weil da war es ihm in der Kirche ohnehin zu kalt. Ganz tief drinnen in seinen Knochen tat sie ihm weh, die Kälte. Und dem Pfarrer würde es auch eine Lehre sein, wenn er den jungen Moringer umbrachte, denn der war ja auch so ein Studierter, der neue Pfarrer, so ein Herr Magister, obwohl früher nur die Apotheker in der Stadt Magister waren. Der würde dann auch eine Idee davon kriegen, was dem Herrn auf Erden zu Gefallen und was des Teufels war.
Der alte Schmid-Bauer las keine Bücher, nur am Sonntag die Krone und hie und da die Woche, wenn sie seine Frau nach Hause brachte. Aber in der Bibel las er schon, im Alten Testament, denn dort stand ganz genau, wie man mit dem Teufel und seinen Ebenbildern in der Welt umzugehen hatte. Ihm seinen Meter Grund wegnehmen, das sollte sich der junge Moringer nur trauen, wo der doch eh keine Ahnung hatte, was echte Bauernarbeit war, der mit seinen ganzen Maschinen und so. Nach dem Krieg, da hatten sie wirklich schuften müssen, da hatte man nicht für jeden Dreck gleich eine Maschine gehabt. Das hätte dem jungen Moringer gut getan, so eine harte Arbeit, und vorher hätte man ihn in den Krieg schicken müssen. Dann wäre er froh gewesen, wenn er überhaupt mit beiden Armen heimgekommen wäre, um damit auf eine ehrliche Art und Weise sein tägliches Brot zu verdienen.
Um den alten Moringer, dem jungen seinen Vater, war es schade gewesen. Wenn den nicht so aus heiterem Himmel der Schlag getroffen hätte, dann hätte dem jungen nicht die starke Hand gefehlt. Jedes Wochenende eine gesunde Tracht Prügel und schon wäre ihm der Blödsinn in seinem Kopf vergangen und er hätte gespurt. Nur so ein Weib mit einem kleinen Buben zu Hause, ganz ohne Mann, das tat kein Gut: Das wusste ja jeder, dass das nicht gut gehen konnte.
In der Kirche und im Wirtshaus hatte der alte Schmid-Bauer den jungen Moringer genau beobachtet. Dabei waren seine Wut und sein Hass auf ihn noch gewachsen. Er wusste von den Abendspaziergängen des jungen Moringer, denn er war ihm schon oft nachgegangen. Aber so, dass er das nicht bemerkt hatte. So zog er sich auch an diesem Abend seine festen Schuhe und den Janker an, nahm seinen Stock und verließ die Stube.
Der junge Moringer stand bei dem Marterl mit dem sterbenden Christus und sah den alten Schmid-Bauern trotz der Dämmerung schon von weitem kommen. In der einen Tasche seiner Latzjeans hatte er eine Kopie des Briefes, den der Anwalt dem alten Bauern geschrieben und den dieser mittlerweile sicherlich schon erhalten hatte. Das hob seine Stimmung ganz gewaltig. Ob er sich den Grund, den er ihm so lange gestohlen gehabt hatte, noch einmal anschauen komme, rief er dem Schmid-Bauern zu.
Der Alte stand ihm nun gegenüber. Zwischen ihnen war der Feldweg, der bald eine kleine asphaltierte Straße entlang eines Bio-Erdbeerlandes sein würde.
"Du wirst mir meinen Grund und mein Marterl nicht wegnehmen, du Teufel!", schrie der alte Schmid-Bauer.
Da fühlte der junge Moringer eine große Kraft in sich, die sich seiner bemächtigte und ihn über alle anderen Einwohner des Dorfes hob; ganz besonders über den alten Schmid-Bauern. Er, der junge Moringer, war der Fortschritt. Leuten wie ihm gehörte die Zukunft.
"Die Jungen sind jetzt dran, Schmid-Bauer!", rief er am Marterl vorbei und über den Feldweg. "Ihr Alten habt nichts mehr zu reden!" Dann zog er die Kopie aus der Tasche und hielt sie dem alten Bauern entgegen. "Hast das schon gelesen, Schmid-Bauer?"
Das war der Moment, als der alte Schmid-Bauer über den Feldweg kam. Er hob einen großen Stein vom Boden auf und erschlug damit den jungen Moringer. Der musste sofort tot gewesen sein, stellte der Polizeiarzt später fest, als sie die Leiche ausgegraben hatten. Der alte Schmid-Bauer holte seinen alten Traktor aus dem Schuppen. Er hängte den toten jungen Moringer mit einem Strick hinten dran und zog ihn mitten auf das Feld, das einmal ein Bio-Erdbeerland hätte werden sollen. Dort vergrub er ihn in der Erde. Seine Frau half ihm dabei, obwohl sie es im Grunde genommen die ganze Zeit nicht fassen konnte, was ihr Mann getan hatte. Aber lang gefragt hatte sie in ihrem Leben noch nie, sondern besser mit angepackt. Als sie den jungen Moringen endlich unter der Erde hatten, war ihre Kleiderschürze ganz schmutzig und ihre wollenen Kniestrümpfe hatte sie sich auch zerrissen.
Der alte Schmid-Bauer stellte dann seinen Traktor wieder in den Schuppen zurück und sagte seiner Frau, sie sollte sich ins Bett legen, er würde noch im Wirtshaus einen Schnaps trinken. Dann ging er los, aber die alte Schmidin legte sich nicht ins Bett. Sie folgte ihm, denn irgendwie hatte sie so eine Unruhe, so eine unbestimmte Angst in sich. Der Schmid-Bauer ging auch nicht ins Dorf hinunter, sondern über seinen Acker wieder zum Grenzstein und dem Marterl. Es war schon so dunkel, dass er die Schmidin nicht sah, als sie auf dem Acker stand und schaute, was er denn noch tat.
Sie sah von ihm eigentlich auch nur seinen Atem in der kalten Nachtluft: Denn es war sehr kalt geworden und vielleicht würde es in der Nacht sogar schneien. Der Polizei erzählte die Schmidin später aber, dass sie ganz genau gesehen hätte, wie ihr Mann vor dem Marterl stehen geblieben wäre und ins Gesicht von dem Christus mit der Dornenkrone und dem Christusbart geschaut hätte. Dabei hätte er einen Ausdruck im Gesicht gehabt, ihr Mann, als hätte ihn der Schlag getroffen, so starr und irgendwie ganz weit weg.
Es hatte geraume Zeit gedauert, bis sich der alte Schmid-Bauer umgedreht hatte und wieder zurück zum Haus gegangen war. Als die Schmidin ihm nachgekommen war und ihn fand, hatte er sich schon im Schuppen mit dem Seil, mit dem er zuvor den toten jungen Moringer aufs Feld gezogen hatte, aufgehängt.