Eine Geschichte aus:
"Die Kinder aus der Gurkengasse"

 

Wenn Papa schläft ...

 

Mama ist mit Lena und Veronika bei einer Freundin zu Besuch. Sie bleiben übers Wochenende. Sebastian und Papa sind allein zu Hause.

Am Sonntag Morgen schläft Papa gern lang, das weiß Sebastian. Weil Lena und besonders Veronika immer so früh wach sind, hat Papa aber nicht oft Gelegenheit dazu. Er sagt, dass man mit drei Kindern im Haus nie genug zum Schlafen kommt. Wenn Papa nicht ausgeschlafen ist, ist er zu nichts zu gebrauchen. Dann trifft er mit den Füßen nicht in die Hausschuhe. Er wackelt ins Badezimmer wie das Gespenst in einem gruseligen Film. Und beim Frühstück fallen ihm ständig die Augen zu. Für Sebastian ist Papa ein richtiger Siebenschläfer. Am liebsten würde Papa den ganzen Sonntag durchschlafen. Mit ein paar Esspausen. Und einer Zeitungspause. Und ein oder zwei Fernsehpausen vielleicht. Und natürlich mit mindestens einer Klopause. Aber dazwischen würde er die ganze Zeit schlafen.

Deshalb hat sich Papa sehr auf diesen Sonntag und aufs Ausschlafen gefreut. „Du bist ja schon ein großer Bub“, hat Papa zu Sebastian gesagt. „Du wirst mich sicher nicht aufwecken.“

Aber es ist komisch: Sebastian wacht heute so früh auf wie sonst nie. Er bemüht sich, schön still und leise zu sein. Er weckt seinen Papa nicht auf. Stattdessen schleicht er ins Schlafzimmer. Er kuschelt sich zu Papa ins Bett und schaut ihm beim Schlafen zu. Er kennt das Gesicht von seinem Papa ganz genau: die Nase, den Mund, die Stirn und das Kinn mit dem Stichelbart. Selbst wenn Papa die Augen geschlossen hat, weiß Sebastian, wie sie offen aussehen.

Es gibt ihm ein gutes Gefühl, ein Gefühl vom Liebhaben, wenn er so neben Papa liegt und ihn anschaut. Da kommt er sich fast wie ein Beschützer vor, der dafür sorgt, dass seinem Papa beim Schlafen nichts passiert.

Meistens schnarcht Papa sanft vor sich hin. Das hört sich an wie das Rattern eines Zuges auf den Schienen. Aber eines Zuges, der ganz weit entfernt hinter hohen Hügeln dahinfährt. Ab und zu grunzt Papa ein wenig im Schlaf. Vielleicht träumt er dann gerade von einem Stall voll süßer kleiner Babyschweinchen. Und stellt sich vor, dass er ihr Schweinevater ist.

Dann stellt sich auch Sebastian etwas vor. Es ist nämlich so: Papa liegt flach auf dem Bauch. Links und rechts gucken seine Arme wie Flossen unter der Decke hervor.

Das bringt Sebastian auf die Idee, dass sein Papa ein gewaltiger Wal sein könnte. Riesig und schwer, aber doch auch sehr elegant würde er durch die Wogen des Meeres pflügen. Sebastian wäre dann ein furchtloser Taucher. Er würde sich an einer der Seitenflossen des Wals festhalten und sich mitziehen lassen. Der Wal würde ihn mit seinem seltsam schönen Gesang begrüßen und froh sein, dass er ihn begleitet.

Doch gleich darauf ist Papa kein Wal mehr. Er dreht sich nämlich auf die Seite. Zusammengerollt und unter seiner warmen Decke sieht Papa aus wie ein großer, dicker Bär im Winterschlaf. Auch das Schnarchen passt dazu. Papa ist jetzt ein tapsiger Tanzbär und Sebastian ein junger Ritter. Er hat den Bären im Wald gefangen. Aber er hat ihn gezähmt und sie sind Freunde geworden. Jetzt treten sie bei einem königlichen Festschmaus auf. Der Bär dreht sich zur Musik eines Spielmannes im Kreis herum. Der König und die Königin und all die Ritter und die Edelfrauen freuen sich und klatschen vor Begeisterung.

Da schmatzt Papa im Schlaf und dreht sich wieder auf den Bauch. Unter der Decke streckt er seinen Popo in die Höhe. Sebastian denkt: Der Papapopo sieht aus wie der Rücken eines Mammuts, eines riesengroßen Zottelelefanten aus der Urzeit.

Papa könnte doch ein solches Mammut sein. Sebastian wäre dann ein Urzeitmensch. Er hätte einen Umhang aus warmen Fellen und Pfeil und Bogen und eine Keule für die Jagd. Das Mammut wäre sein Reittier. Er würde auf seinem breiten Rücken sitzen und die Welt von ganz hoch oben sehen. Er wäre der Held der Urzeit ...

Oder der Held des Wilden Westens, denkt Sebastian. Denn Papas Popo könnte genauso gut der Rücken eines wilden braunen Hengstes sein. Sebastian wäre ein mutiger Cowboy. Mit seinem Cowboyhut auf dem Kopf und den Cowboystiefeln an den Füßen würde er es als einziger wagen, auf dem Hengst zu reiten. Das Pferd würde umhergaloppieren. Es würde bocken und die Vorderläufe hochreißen. Wiehern würde der Hengst, dass es weit über die Prärie zu hören wäre. Keiner außer dem Cowboy Sebastian würde es schaffen, sich auf seinem Rücken zu halten.

Aber was, denkt Sebastian, wenn sich sein Paps auf einmal in ein nicht so freundliches Wesen verwandelt. Nicht in einen Wal oder ein Mammut, einen Tanzbären oder einen Hengst. Sondern in ein Weltraummonster zum Beispiel. In ein Ungeheuer mit langen, piepsenden Fühlern. Mit drei kugelrunden Augen. Mit sieben Ohren, die rundum den Kopf angeordnet sind. Mit einem zähnefletschenden Maul. Und langen, spitzen Krallen an den lila Händen und den türkisgrünen Füßen.

Als er sich ein solches Monster vorstellt, gruselt sich Sebastian ganz ordentlich. Er selbst wäre dann ja wohl ein Astronaut. Und wie könnte er das Weltraummonster besänftigen? Wie mit ihm Freundschaft schließen?

Sebastian hat einen Einfall. Ganz leise schlüpft er aus dem Bett. Auf Zehenspitzen schleicht er sich in die Küche. Geschafft! Papa ist nicht aufgewacht.

Im Haus ist es ganz still. Sebastian steht jetzt vor einem Problem: Er möchte Frühstück machen. Aber er weiß, dass er sich kein scharfes Messer aus der Bestecklade holen darf. Das haben ihm die Eltern verboten, weil er sich damit leicht verletzen könnte. Er weiß auch, dass er den Herd nicht einschalten darf, weil man sich an den heißen Platten so leicht verbrennt.

So holt Sebastian die Milch aus dem Kühlschrank und gießt sie eben kalt in eine Tasse. Er gibt zwei Löffel Kakao dazu und rührt um, bis das Ganze eine schöne braune Farbe angenommen hat. Vollständig aufgelöst hat sich der Kakao in der kalten Milch zwar nicht. Aber das Bröckelige, denkt Sebastian, wird dem Papa schon nichts ausmachen.

Im Brotkorb findet er eine Scheibe Brot, die gestern beim Abendessen übriggeblieben ist. Das Brot ist zwar schon ein bisschen hart. Doch Sebastian biegt die Scheibe ein paarmal auf und ab. Dadurch macht er sie schön elastisch.

Dann kleckst er fünf Löffel Marmelade drauf. Zwei Löffel gibt sich Papa üblicherweise auf eine Scheibe Brot. Die anderen drei Löffel sind statt der Butter. Denn Butter kann Sebastian ohne Messer ja keine aufs Brot schmieren. Ein richtiger organeroter, leckerschmeckersüßer Marmeladenberg türmt sich jetzt auf dem Brot!

Zufrieden betrachtet Sebastian sein Werk. Dann stellt er die Tasse Kakao auf einen Teller, legt die Scheibe Brot daneben und trägt alles vorsichtig ins Schlafzimmer. Dort ist Papa immer noch fleißig am Schnarchen. Aber für Sebastian ist Papa jetzt wieder das Weltraummonster. Das Schnarchen ist ein gefährliches Knurren. Sebastian kriegt gleich wieder eine Gänsehaut, wenn er sich das so vorstellt.

Aber er nimmt all seinen Mut zusammen und tritt dem Ungeheuer entgegen.

„Hier“, sagt er mit piepsiger, gar nicht heldenhafter Stimme. „Ich hab dir Frühstück ge­macht. Damit du friedlich wirst und wir Freunde sein können.“ Und er hält dem Weltraummonster den Teller mit dem Kakao und dem Marmeladenbergbrot unter die Nase.

Zuerst blickt das Ungeheuer ganz erstaunt drein. Es rollt mit seine Kugelaugen. Es flattert mit seinen sieben Ohren. Es klappert mit seinen Finger- und Zehenkrallen. Doch dann streckt es Sebastian, dem Astronauten, seine Fühler entgegen. Auf seinem Maul erscheint ein Grinsen.

„Hmmm“, meint es fröhlich, „meine Lieblingsspeisen!“

Auch in Wirklichkeit reckt und streckt sich Papa unter seiner Decke. Zuerst öffnet er nur ein Auge und auch das nur einen schmalen Schlitz weit. Dann aber auch das andere. Er kratzt sich am Bart und am Bauch. Und er sieht Sebastian dicht vor sich am Bett stehen und entdeckt das Frühstück.

Papa gähnt. „Das ist aber eine tolle Bedienung. Kaum bin ich aufgewacht, krieg ich auch schon mein Frühstück ans Bett!“

Er stützt sich halb auf einen Arm und streckt Sebastian den anderen entgegen. Sebastian schmiegt sich ganz nah an seinen Papa. Die zwei reiben ihre Stirn und ihre Wangen aneinander. Das mag Sebastian echt gern. Aber wie ein Zirkusartist muss er dabei aufpassen, dass ihm die Kakaotasse nicht vom Teller fällt.

Dann sitzen Papa und er nebeneinander im Bett. Sie verspeisen das Frühstück, das Sebastian zubereitet hat.

„Was hast du denn so getrieben“, fragt Papa, „während ich geschlafen hab?“

„Oh“, antwortet Sebastian, „ich hab Abenteuer erlebt. Ganz tolle. Mit einem Tanzbären und einem Mammut. Und einem wilden Hengst und einem riesengroßen Wal. Und mit einem schrecklichen Weltraummonster. Aber das ist dann ganz lieb und freundlich geworden.“

„Das klingt sehr aufregend“, meint Papa kauend. „Ich hab mir ja schon immer gedacht, dass mein Sohn ein echter Held ist.“