Feuernebel
Geschlossene Lider
n der Intensivstation, am Bett seines kleinen Sohnes, erinnerte sich
Peter an den Sommer, in dem er von den Kindern, die seinen toten Großvater
sehen wollten, Eintritt verlangte. Das war 1977 und Peter war acht Jahre alt.
Sein toter Großvater lag in einem Plastiksack in seinem Sarg. Der Sack hatte
seitlich einen Reißverschluss. Der Großvater trug seinen besten schwarzen
Anzug, ein weißes, frisch gestärktes Hemd, eine dunkle Krawatte und schwarze,
polierte Schuhe. In den gefalteten
Händen hielt er sein Gebetsbuch und einen Rosenkranz. Sein Haar war mit Pomade
zurück gekämmt. Er sah sehr festlich aus. Fast wie ein Tänzer in einem alten
Film.
Nur sein Gesicht, fand Peter, war zu blass. Draußen
brannte die Sommersonne vom Himmel. Hätte der Großvater so wie üblich auf den
Feldern gearbeitet, hätte er eine gesündere Gesichtsfarbe gehabt. Aber sein
Hitlerbärtchen glänzte fast so schön wie die Schuhe. Jeden Morgen strich die
Großmutter den Bart mit schwarzer Schuhcreme ein. Peter fand das sehr
interessant und beobachtete sie immer dabei. Wie sie den Reißverschluss öffnete
und mit einer kleinen Schuhbürste nach innen langte. Dann glaubte er fast, der
Großvater würde jetzt jeden Moment die Augen aufschlagen und über den engen
Sack zu schimpfen beginnen. Peter konnte sich beim besten Willen nicht
vorstellen, dass dem Großvater, der doch sonst den ganzen Tag auf den Feldern
oder im Wald unterwegs war, dieses stille Herumliegen gefiel.
In einem solchen Moment, gerade als die Großmutter den
Reißverschluss wieder zuzog, als sie das Gesicht des Großvaters lang
betrachtete und dann langsam den Kopf schüttelte und damit gar nicht mehr
aufhören wollte, kam Peter die Idee, von den anderen Kindern im Dorf Geld zu
verlangen. Seit der Großvater letzten Sonntag beim Mittagessen einfach vornüber
gefallen war, praktisch mit Messer und Gabel samt aufgespießtem Stück
Schweinsbraten in der Hand, drehte sich alles im Dorf nur noch um ihn. Der Tod
des Großvaters war die Sensation. Keine Frage also, dass die Kinder leicht
für Peters Idee zu begeistern sein würden.
Der Sarg mit dem Plastiksack und dem toten Großvater
stand auf der Sitzfläche zweier Sessel. Sonst gab es nichts im Schlafzimmer
der Großeltern. Peters Vater und ein paar Onkeln hatten es leergeräumt. Die
Kommode, der Schrank und das Bett standen jetzt neben dem Traktor in der
Garage. Das Bett hatten sie zerlegen müssen, um es durch die Tür zu kriegen.
Peters Mutter und ihre Schwester hatten die Möbel mit Plastik verhängt. Damit
sie während der Woche, in der der tote Großvater im Schlafzimmer aufgebahrt
liegen würde, keinen Schaden nahmen. Die Großmutter schlief zur Zeit im
Bubenzimmer, Peter bei den Eltern. Das war etwas Besonderes, das nur ganz
selten vorkam.
Somit verhüllte Plastik nicht nur den Großvater, sondern
auch die Möbel. Es überzog sie mit der Aura eines Geheimnisses. Oft starrte
Peter durch den milchigen Schleier, als hoffte er, plötzlich die Rillen eines
verborgenes Fachs zu entdecken. Darin würde er einen Schatz finden und dadurch
zum Helden des Dorfes werden. Oder es gäbe eine rätselhafte Botschaft, die
der Großvater als Kind in die Möbel seiner Eltern geritzt hatte.
Eine Art solcher Botschaft hoffte Peter auch zu sehen,
wenn er sich über den Sarg beugte und seinem Großvater ins bleiche Gesicht
schaute. Er blieb, so lang er es in der Hitze, die sich im Schlafzimmer trotz
der offenen Fenster staute, aushielt. Er ließ nicht die Augen vom Großvater, er
versuchte ihn zu hypnotisieren. In Gedanken raunte er ihm zu, er solle doch
aufstehen und mit ihm hinaus auf die Felder gehen. Die Sonnenblumen blühten
gerade so schön, ein ganzes gelbes Meer seien sie. Oder wenn er noch müde sei,
würden sie sich auf die Bank im Hof setzen. Der Großvater könne ihm erzählen,
was er in seinem langen Schlaf erlebt habe. Und dann würde ihm Peter die Haare
frisieren.
Peter hatte das immer am Samstag Abend nach dem Baden
gemacht. Der Großvater war in der Küche auf einem Sessel gesessen und hatte
den Kopf leicht zurück gelegt. Peter war auf der Eckbank hinter ihm gestanden.
Er hatte die Haare zurück gekämmt, dann hatte er mit der Handfläche oder auch
nur einzelnen Fingern über die seidig-schwarze Oberfläche des Kopfes gestrichen.
Es hatte ihm ein unbeschreibliches Behagen bereitet, über Großvaters Haare zu
streicheln, wieder und immer wieder, ein Behagen, das sich allmählich in seinem
ganzen Körper ausgebreitet hatte und ihn ganz warm und wohlig zumute werden
ließ. Für Peter war dieses Haarestreicheln schöner gewesen als die Gutenachtgeschichte,
die es nachher, vor dem Einschlafen, noch für ihn gegeben hatte. Er war sich
sicher, dass es auch sein Großvater genossen hatte.
Doch jetzt brachten auch diese Gedanken den Großvater
nicht dazu, sich zu rühren. Der Mund blieb starr, die Lider blieben geschlossen.
Gleich nachdem die Männer das Zimmer ausgeräumt hatten, hatten sich die Frauen
daran gemacht, die Holzdielen des Bodens mit Bürste und Seifenlauge zu
bearbeiten. Jetzt fielen die Strahlen der Sonne durch die Fenster und setzten
die blanken Dielen in einen Brand aus Licht. Peter war, als ginge ein Leuchten
vom Boden aus. Als schwebten die beiden Sessel, die den Sarg trugen, darauf.
Als würde der tote Großvater wie in einer kleinen Raumkapsel davongetragen –
an einen Ort, wo ihn keiner mehr erreichen konnte.
Vielleicht, überlegte Peter, war der Großvater schon zu
weit weg. Vielleicht konnte er nicht laut genug denken, dass er ihn hörte.
Aber irgendwie musste es doch möglich sein, an ihn heran zu kommen. So genügte
es für die Kinder, die den Toten sehen wollten, nicht, einen Schilling pro Kopf
zu zahlen. Sie mussten den Einsatz erhöhen, nämlich Peter auch ein Versprechen
geben. Sie sollten ihm dabei helfen, den Großvater ins Leben zurück zu rufen.
Peter selbst war das schon einmal gelungen. Das war zwei
Jahre her. Da war der Großvater auch nach wiederholtem Rufen der Erwachsenen
nicht zum Mittagessen gekommen. Die Mutter hatte Peter geschickt, ihn zu
holen. Der Großvater arbeitete auf dem Dachboden. Ein Sturm hatte ein paar
Schindeln losgerissen. Der Großvater wollte nach Ersatz suchen. Als Peter ihn
fand, lag er auf dem Boden, schräg über ihm fehlten zwei Schindeln im Dach.
Eine Säule aus Sonnenlicht fiel durch das Loch; flirrend tanzte der Staub über
dem reglosen Großvater. Fliegen surrten um ihn herum; sie waren das einzig
Lebendige auf dem stillen Dachboden, wo der Mittag seinen Atem anhielt.
Peter lief zum Großvater und kniete sich neben ihn. Er
schaute ihm ins Gesicht, er schüttelte ihn an den Schultern. Dann begann er
zu schreien. Seine Schreie alarmierten die Erwachsenen und diese den Notarzt.
Auf diese Weise rettete Peter seinem Großvater das Leben.
Der Großvater erholte sich rasch von dem kleinen Schlaganfall,
den er erlitten hatte, nur ein paar Minuten, bevor Peter auf den Dachboden gekommen
war. Immer wieder sprach er von seinem „Schlagerl“. Und manchmal sagte er am
Abend zu Peter: „Du hast mich zurückgeholt, Bub! Dir verdank ich mein Leben!“
Deshalb war sich Peter so sicher, dass es ihm auch diesmal gelingen
würde.
Am späten Nachmittag saßen die Erwachsenen beisammen in
der Küche. Nachbarn und Freunde kamen vorbei, es gab Kaffee und Kuchen oder Wein und Speckbrote, je
nach Gusto. Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt. Man konnte die Stimmen
der Erwachsenen hören - gedämpft, wie aus einer anderen Welt. Peter führte die
Kinder, eines nach dem anderen, vom Hof aus durch den Gang und ins Schlafzimmer.
Das Geld hatte er gleich zu Beginn, noch im Freien, einkassiert. Seine beiden
Schwestern und die drei Cousins bekamen je einen Schilling Schweigegeld. Sie
waren zufrieden damit, denn ihnen war klar, dass das Vorführen des toten
Großvaters allein Peters Idee gewesen war; so akzeptierten sie, dass er den
Löwenanteil des Gewinns einstreifte.
Es ging alles ganz leise vor sich. Peter blieb an der Tür
stehen. Von dort aus beobachtete er das Gesicht jedes Kindes. Er registrierte
ihre Gefühle, die sich in ihren Zügen spiegelten. Und er las die Bewegungen
ihrer Lippen, wenn sie den Toten drängten, doch wieder ins Leben zurückzukehren.
Doch der Großvater kam nicht. Er blieb, wo er war, in
dieser seltsamen Welt, zu der Peter keinen Zugang hatte. Peter gab die Hoffnung
erst in dem Augenblick auf, als im offenen Grab die Erde auf den Sarg fiel.
Die Trauer kam später. Vorher war Peter maßlos enttäuscht
von seinem Großvater, er war sogar wütend auf ihn. Er hatte ihn für seinen
besten Freund gehalten. Trotzdem war er gegangen, ohne sich zumindest von
ihm zu verabschieden. Es dauerte Tage, bis Peters Wut sich in das verwandelte,
was sie im Grunde genommen schon immer gewesen war. Dann lag Peter halbe Nächte
wach und weinte um den toten Großvater.
Als Peter fünfundzwanzig Jahre später auf der
Intensivstation seinem kleinen Sohn beim Sterben zusah, wusste er, dass er
keine Chance hatte, ihn zurück ins Leben zu holen. Ihm war klar, dass auch die
Lider seines Sohnes für immer geschlossen bleiben würden.
