Aussicht auf Stille

Eine Fantasie über David Hockneys Bild Nicholas Canyon

 

"In der magischen Stille der Formen ruht unsere Betrachtung; die Ekstase wächst und löst sich allmählich im geklärten Gefühl" (Carlo Carrà über Giotto)

 

Als der junge Maler aus dem ständig verregneten Yorkshire zum ersten Mal nach Kalifornien kam, wie vor den Kopf gestoßen muss er gewesen sein ob der Fülle an Farben und Sonne: Direkt in die Augen und weiter ins Hirn müssen ihm diese schreiend bunten, dann wieder pastelligen Töne und dieses gleißende Licht gefahren sein. Damals malte David Hockney seine ersten Duschbilder, angeregt durch seine Beobachtung, wie geradezu versessen die Amerikaner aufs Duschen waren. Als er drei Jahre später nach Los Angeles zurückkam, begann er mit jenen Swimmingpools und Villen, die ihn weltberühmt machen sollten.

David Hockney malte diese jungen Männer erstmals 1963 und dann immer wieder. Der Jüngling ohne Namen ist unter der Dusche zu sehen. Er beugt sich vornüber in die Kabine, das Wasser trifft auf seinen Nacken, seine Schultern. Im ersten Moment war das kalte Nass ein Schock, dann ist es nur noch wohltuend. Der junge Mann hat den Nachmittag am Pool verbracht. Der Pool, die Terrasse, die schlanken Palmen dahinter und der Bungalow selbst mit seinen hohen Glastüren sollten die Motive für spätere Bilder werden, Kulissen für zwanglos elegante Inszenierungen von stilisiertem Realismus, Sinnbilder kalifornischen Lebensstils von kühler Künstlichkeit und gelassener Leuchtkraft, gleichsam die Zurückweisung einer unvollkommenen Alltagswelt. Und mittendrin der junge Mann oder zumindest Erinnerungen an ihn: leere Sessel, ein halb ausgepackter Koffer auf dem Bett. Aber sonst: der nackte Körper in der Sonne, noch nicht sehr gebräunt, kurzes Haar, ein Gesicht ohne klar definierte Züge, vielleicht ein Badetuch, einmal das hinter dem gerade in den Pool Gesprungenen hochspritzende Wasser.

Als er so daliegt, spürt der Jüngling eine Stimmung traumhafter Ruhe und Unwirklichkeit. Es ist völlig windstill; an manchen Tagen kommt ein etwas kühlerer Wind vom Meer her, heute aber nicht. Stattdessen hängt ein leichter Geruch nach Chlor in der stehenden Luft. Obwohl der junge Mann doch schwitzen müsste, ist davon nichts zu sehen. Er ist nackt, doch alles Fleischliche ist aus den Bildern, die ihn zeigen, verbannt; Hockney geht es um die Idee von Nacktheit. Und auch unter Wasser bleibt der junge Mann in seinem schönen, fremden Reich, der einsamen Lichtwelt einer Amöbe gleich, abgeschnitten von der Welt außerhalb seines Mediums.

Der Jüngling hat vor der Dusche ein wenig im Haus geruht. Er hat im blauen Bademantel auf einem Sofa neben einer Vase mit roten Tulpen geschlafen. Das Hemd, das er sich nun nach dem Duschen anzieht, ist frisch gewaschen und gebügelt, die enge, schwarze Hose glänzt im Licht des späten Nachmittags so wie der Lack des roten Sportwagens, in dem er langsam aus der Garage fährt. Damals gab es in Los Angeles noch Tage, an denen der Verkehr flüsig über den Highway glitt. Der junge Mann lenkt den Wagen vom Meer weg ins Hinterland. Zuvor hat er noch die Rasensprenger um das Haus angestellt: Sie tun die Arbeit von Natur und Gärtner.

Er fährt den Mulholland Drive hinauf, vorbei an Villen mit Tennisplätzen und angelegtem Grün. Er fährt nicht bis zum Atelier, zu dem die Straße führt, sondern biegt bei einem riesigen Strommasten ab. Nach einiger Zeit kommt er zu einer Tankstelle. Der Tankwart ist ein hühnenhafter Schwarzer im schmutzigen Overall. Der junge Mann holt sich aus der Snack-Bar einen Becher Kaffee. Dort sitzt an der Theke eine dieser einsamen Wasserstoffblondinen. Aus der Jukebox singt eine melancholische Stimme. Die Blondine weint, deshalb nimmt der Jüngling sie mit. Sie versucht, sich im Innenspiegel des Wagens ihr Make up zu richten. Doch weil der Wind weht und sie nicht zu weinen aufhören kann, verwischt sie die Farben noch mehr. Das kann der junge Mann nicht aushalten, er lässt sie bei der nächsten Abfahrt wieder aussteigen. Sie passt nicht ganz zu ihm, ähnelt ohnehin eher einem Modell von Edward Hopper.

Dann fährt der junge Mann vom Highway ab; nach einigen weiteren Minuten kommt er zur Abzweigung in die Nicholas Canyon Road. Er hält und als er den Zündschlüssel aus dem Schloss zieht, ist es mit einemmal wieder ganz still. Es ist so still wie zuvor am Pool. Die Stille lastet aber nicht auf dem Körper der Jünglings. Sie zieht die Straße entlang bis über die Hügel in den Canyon. Freilich ist es in den Farben dieses Nachmittags immer noch sehr warm. Der junge Mann sieht sich um; die selbstvergessene Gelassenheit dieser Landschaft ohne Zeitgefühl überträgt sich auf ihn. Die Landschaft mit ihren kleinen weißen Häusern, den Palmen und Zypressen, den Gästen und Feldern und im Hintergrund die Gegend aus Felsen und Halbwüste steht für sich allein. Sie stellt sich dar wie auch der junge Mann: splendid isolation.

Der Jüngling fühlt sich gerufen, in dieses Haus in den Bergen von Hollywood, in dem ein Fernsehapparat neben dem offenen Kamin steht und ein Bild von Laurel&Hardy an der Wand hängt. Er weiß aber auch, dass für ihn jede Zweisamkeit eine allzu große Anstrengung wäre, zudem eine mit ungewissem Ausgang. So wird keine dralle, grell geschminkte Witwe mit fleischlichen Genüssen auf ihn warten. Eher ein Adonis wie er selbst, in einer verhaltenen Bewegung vor dem Spiegel der Eigenliebe in sich gekehrt und erstarrt. Denn alles ist offen und doch alles schon gesagt.

(c) Peter Schnaubelt (Februar 1991)