Fänger im Roggen
Über den englischen Schauspieler Donald Pleasence
In Dario Argentos unter Freunden des Genres beinahe schon als Klassiker geltendem Horrorfilm Phenomena spielt Donald Pleasence den Insektenforscher John McGregor: einen verschrobenen alten Mann, der seit einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt ist und gemeinsam mit einer Schimpansin in einem großen Haus in den Schweizer Bergen lebt. McGregor beschäftigt sich mit der Verwesung menschlicher Körper und der wesentlichen Rolle, die Insekten dabei spielen. Durch seine beinahe pathologische Beziehung zu Kadavern ist er zum Einzelgänger geworden. "Ich weiß, was es heißt, anders zu sein", sagt er zu Jennifer, der jungen Heldin der Geschichte. Und so ist er der einzige, der dem Mädchen, das mit Insekten zu kommunizieren in der Lage ist und so eine grausige Mordserie aufzuklären vermag, Glauben schenkt.
Eine typische Rolle für Donald Pleasence. Denn seit dem Tod von Lee van Cleef, dem Totenkopfgesicht, ist der Schauspieler zum letzten geheimen Star von B- und C-Pictures avanciert, zu einer Ikone der Nebenrollen in diesen herrlich schundigen Genreproduktionen, geradezu zu einer Institution. So war es auch nicht von ungefähr Pleasence, der mit seinen Markenzeichen, der Glatze, diesem hypnotischen Blick aus den weit aufgerissenen Augen, die schon soviel Schreckliches mitansehen mussten, und in raunendem Unterton die Collage aus den besten Horrorfilmen Terror im Parkett moderierte.
Auch in Argentos Phenomena agiert Pleasence mit der ihm so eigenen belustigten Dekadenz, er spielt seinen Hang zum hemmungslosen Manierismus aus, als wollte er sich sogar in den gefährlichsten Situationen über die immanente trivialästhetischen Figure- und Handlunsgmuster des Genres lustig machen. Weniger als filmischer Charakter, vielmehr wie ein orientalischer Geschichtenerzähler steht er inmitten dieses Crescendos aus Blut und Tränen und berichtet uns letztendlich doch immer von der Macht des Guten: vom Sieg eines unschuldigen Mädchens über die Schrecken der Hölle. Donald Pleasence: ein Romantiker des Horrorfilms?
Pleasence, 1919 als Sohn eines Bahnhofsvorstehers im englischen Nottinghamshire geboren, begann seine Karriene am Theater; Laurence Olivier holte ihn als Shakespeare-Darsteller ins Londoner "Old Vic". Pleasences Image wurde aber nachhaltig von Schurkenrollen geprägt. Er gab den groben Marktinspektor in Blick zurück in Zorn (1962), den Erzbösewicht Blofeld im Bond-Film Man lebt nur zweimal (1967), den russischen Amokläufer mit blonder Perücke in Don Siegels Telefon (1977), Heinrich Himmler in Der Adler ist gelandet und Pontius Pilatur in Jesus aus Nazareth (beide ebenfalls 1977) und einmal sogar den Teufel höchstpersönlich in Die größte Geschichte aller Zeiten (1965).
Am Nachhaltigsten blieb er uns jedoch in Erinnerung, wenn er die Verschrobenheit seiner Figuren an der Grenze zum Fanatischen ansiedelte: zum Sonderling am Rande der Besessenheit, der als Spezialist in seinem Fach als einsam-ungehörter Warner in der Wüste zwar meist auf dcer Seite des Guten steht, sich durch die Abfolge der Ereignisse aber nicht selten in Grenzsituationen getrieben sieht, die seine Reaktionen unvorhersehbar machen.
In solchen Rollen wurde Donald Pleasence in den siebziger und achtziger Jahren immer häufiger in Horrorfilmen besetzt. Als Psychiater Dr. Loomis auf der Jagd nach dem Halloween-Killer Michael Myers in John Carpernters Splatterserie (ab 1978), als katholischer Priester, der von der Rückkunft des Satans überzeugt ist , in Die Fürsten der Dunkelheit (1987), als Insektenforscher in Phenomena: Über weite Strecken dieser Filme wird seinen Warnungen nicht geglaubt. Er allein durchschaut die Lage und weiß die Anzeichen drohenden Unheils richtig zu deuten. Er ist von der unbedingten Bösartigkeit der Mörder überzeugt, ist in jahrelanger Kleinarbeit ihren Spuren des Verderbens gefolgt. Doch es fehlen ihm oft die eindeutigen Beweise. So sieht er sich bestenfalls als armer Spinner abgetan. "Er ist kein gewöhnlicher Verbrecher", weiß Dr. Loomis über Michael Myers in Halloween 4 zu sagen, "er ist das personifizierte Böse auf zwei Beinen." Um den Mörder auszuschalten, hat er sich sogar mit ihm zusammen angezündet, eine schreckliche Narbe entstellt die Hälfte seines Gesichts, er humpelt auf einen Stock gestützt: ein alter Mann, der eigentlich nicht mehr kämpfen kann, der geschlagene Soldat seines ganz privaten Feldzuges, der aber dennoch nicht bereit ist aufzugeben. "Sie reden von ihm wie von einem menschlichen Wesen", warnt er vor Myers. "Dieser Teil von ihm ist schon lange gestorben." Doch keiner glaubt ihm. So ist für den alten Mann die lebenslange Jagd zur Obsession geworden und zum Weg in die Einsamkeit.
In solcher Weise isoliert, werden diese Charaktere zuweilen sogar selbst zu einer veritablen Gefahr: Die Verzweiflung lässt sie unberechenbar werden. So wie Pleasence als neurotischer Ehemann in Polanskis Wenn Katelbach kommt (1966) auf seine Angst, die Demütigungen und die Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit, ganz allgemein auf Gewalt gewalttätig reagiert, ist auch in anderen Filmen bis zuletzt nicht klar: Ist Pleasence der wahre Fänger im Roggen, der Beschützer der potentiellen Opfer, als der er sich ausgibt? Oder greift er, weil er keinen anderen Rat mehr weiß, nicht doch zu verzweifelten Mitteln, die sich sogar gegen die Ahnungslosen richten können, sie die Klippen ins Verderben hinunter stürzen?
Donald Pleasence hat nie die strahlenden Helden gespielt, nie die Sieger. Er kann Michael Myers nicht wirklich unschädlich machen; am Ende von Wenn Katelbach kommt ist seine Figur ein völlig gebrochener Mensch; in Phenomena wird er, hilflos im Rollstuhl sitzend, von einer Klinge durchbohrt. Seine Charaktere sind auf sich allein gestellt, sie sind traurig-tragische Männer, die das Unverständnis der anderen zuweilen sogar mit allem bezahlen müssen, das ihnen geblieben ist: mit dem Leben. Seine Darstellung gibt so gerade vielen rasch heruntergedrehten Genrefilmen eine Atmosphäre des surreal Unheimlichen, die weit über jener von reinen Schockeffekten hinausgeht. Denn er lässt uns für Momente in die Abgründe einer rastlosen Seele schauen.
(c) Peter Schnaubelt (Dieser Aufsatz wurde noch vor Donald Pleasences Tod geschrieben.)