Der alte Elefant
Das Werk des Regisseurs Sir David Lean
Ein junger Mann, Lawrence, kommt in ein fremdes Land, und er hat einen Traum. Die stolzen Stämme Arabiens will er vereinen und sie gegen die Türken führen. Diesem großen Ziel ordnet er seine Karriere unter und sogar sein Leben. Und als es gilt, die Wüste Sinai zu durchqueren, ein bis dahin unbenkbares Unterfangen, meint er trotzig: "Warum nicht? Moses hat es getan!"
Lawrence von Arabien (1962) ist die wohl berühmteste Arbeit des britischen Filmregisseurs David Lean und die titelgebende Figur mag exemplarisch für die typischen Lean´schen Protagonisten stehen. Getriebene ihrer eigenen Ansprüche, ihrer Visionen und Ideale sind sie, Helden eines leidenschaftlichen Individualismus. Doch genau daran scheitern sie schlussendlich auch, sie bleiben Verlorene zwischen ihren Ansprüchen und der Realität. Als Einzelne stehen sie vor der Wand der Gesellschaft und werden an ihr zerrieben. Und trotzdem halten sie den Kopf hoch und ertragen mit absurdem Stolz, mit stoischer Würde den eigenen Untergang.
Da ist ein alternder Oberst, der in einem japanischen Kriegsgefangenenlager dem Feind beweisen will, dass ein Engländer auch mit gebeugtem Rücken noch zu wahrer Größe fähig ist (Alec Guiness in Die Brücke am Kwai, 1957). Da sind Jurij und Lara, die glauben, ihre Liebe könnte sogar den Wirren der russischen Oktoberrevolution trotzden (Omar Sharif und Julie Christie in Doktor Schiwago, 1965). Da ist eine Lehrersfrau, die inmitten des irischen Freiheitskampfes von 1916 der drückenden Enge ihrer Ehe durch die Liebschaft mit einem englischen Besatzungssoldaten zu entfliehen versucht (Sarah Miles in Ryans Tochter, 1970). Und da ist eine puritanisch behütete junge Engländerin, die das "wahre" Indien entdecken will und sich bei der Besichtigung einer Höhle sosehr im Labyrinth ihrer eigenen Seele verirrt, dass sie einen indischen Arzt fälschlicherweise eines Vergewaltigungsversuches bezichtigt (Judy Davis in Die Reise nach Indien, 1985).
Nicht selten ist das Motiv der Reise das narrative Rückgrat für diese Suche nach Selbsterkenntnis. Lean führt seine Figuren an Orte und in Situationen, die sie zwingen, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Dabei gelangen sie an einen Punkt ohne Wiederkehr, einen Moment der Katharsis, deren reinigende Wirkung für sie schmerzhafter nicht sein könnte. Mit beinahe chirurgischer Präzision legt Lean den verwirrten Kern frei, der sich hinter der großartigen Fassade dieser Menschen verbirgt. Und einsam bleiben sie zurück in ihrer zerbrochenen Welt.
David Lean hat sich selbst einmal als "alten Elefanten" bezeichnet und damit auf sein Beharren auf den episch-breiten Stil seiner Filme angespielt. Dieser romantische Realismus ist erfüllt von der unstillbaren Sehnsucht nach überbordenden Gefühlen und dem weiten Atem außerordentlicher Szenarien; und in seinen besten Momenten schlägt er um zur schwarzen Komödie über das Unvermögen des Menschen. Nichts Geringeres als Bilder für die Ewigkeit hatte David Lean, der "picture chap", im Sinn. 1991 ist er gestorben. Seine Filme aber, von den frühen Dickens-Adaptionen bis zum späteren oscarüberhäuften Breitwandkino, überdauern als sein Vermächtnis die Zeit.
(c) Peter Schnaubelt
(Der Artikel ist anlässliche des 90. Geburtstags von David Lean 1998 in der Zeitschrift Die Furche erschienen.)