Der alte Mann und das Leben

Clint Eastwood, zum 70. Geburtstag

Ein Mann, William Munny, steht am Grab seiner Frau. Früher war er einer der gefürchteten Revolverhelden, die am Mythos des Wilden Westens mitschrieben. Jetzt ist er alt. Er geht gebeugt und trifft nur noch mit Mühe. Und er ist voller Reue. Die Bilder all der Frauen und Kinder, die er erschossen hat, lassen ihn nicht mehr ruhig schlafen.

Munny, der Antiheld, ist der Protagonist von Clint Eastwoods oscargekröntem Spätwestern Erbarmunsglos (1992). Er ist auch eine konsequente Fortführung jenes Charakters, der den Schauspieler in den Sechzigerjahren berühmt machte: des "Mannes ohne Namen" aus Sergio Leones Italo-Western Eine Handvoll Dollar (1964). Der schweigsame Pistollero mit dem Zigarillo im Mundwinkel, der nichts als seiner eigenen Moral verpflichtet ist, könnte tatsächlich ein Bildnis Munnys als junger Mann sein. So wie der desillusionierte Cop Calahan (Dirty Harry, 1971) in den Straßen von San Francisco eines in mittleren Jahren.

Im Lauf der Zeit hat Clint Eastwood eine Reihe von Figuren wie William Munny darsgestellt - und die Filme dazu meist auch gleich selbst inszeniert. Er hat sich dabei zu einem Regisseur entwickelt, der es wie nicht viele andere versteht, eine Geschichte aus den alltäglichen Details zu entwickeln. Seine Meisterschaft ist das Verweilen im vermeintlich Nebensächlichen. Für Genrefilme, wie Eastwood sie meist dreht, ist diese Genauigkeit des Privaten nicht üblich. So entwickelt er Charaktere von ungewöhnlicher Tiefe; und das tut er mit großer Ruhe, mit lakonischer Gelassenheit und spröder Würde. Auf diese Weise ist es ihm sogar gelungen, die kitschige Romanvorlage von Die Brücken am Fluss (1995) zu einem wohltuend erwachsenen Film zu machen, zu einer wunderschönen traurigen Ballade über die Liebe als das größte, das einmaligste Gefühl.

Eastwoods anrührendste Darstellungen zeigen Menschen, die in ihrer ganz persönlichen irdischen Tragödie verfangen sind, die darob aber nicht verzweifeln. Sie sehen ihrem bitteren Ende entgegen und bleiben dabei ganz ruhig. Denn sie sind sich selbst treu geblieben. Je brüchiger ihre physische Erscheinung ist, desto wichtiger sind für sie ihre Ideale geworden.

So folgt Eastwood als todkranker Musiker seinem Traum, einmal im Leben in der Grand Ol´ Opry in Nashville aufzutreten (Honkytonk Man, 1982). Als Sherrif kämpft er um das Leben eines entführten Buben (Perfect World, 1993). Als Meisterdieb sieht er einen Mond mit an und gibt den Drohgebärden des Mörders doch nicht nach (Absolute Power, 1987). Als alkoholabhängiger Lokalreporter rettet er einen Schwarzen aus der Todeszelle (True Crime, 1999). Und in Erbarmungslos schnallt er sich ein letztes Mal des Pistolengurt um und macht sich auf, gegen zwei Cowboys, die eine Prostituierte verstümmelt haben, ins Feld zu ziehen: Zumindest einmal im Leben möchte er für ein gerechte Sache kämpfen.

In der Schlussszene von Die Brücken am Fluss steht Eastwood im Regen. Er sieht zu, wie die Frau, die er erst seit ein paar Tagen kennt und die er liebt, mit ihrem Mann davonfährt. Man sieht sein nacktes, nasses Gesicht und darin all die Verzweiflung und die Liebe, all die Erfahrungen und Emotionen, die ein Leben ausmachen. Clint Eastwood wird am 31. Mai 2000 70 Jahre alt. In Rollen wie dieser hat er uns für einen kurzen Moment einen Blick in die Seele keiner Filmfigur, sondern eines Menschen gewährt.

(c) Peter Schnaubelt